Analyse der Prognoseberichte 2013 der DAX-Gesellschaften

Teilnehmer:

Ulrich Hocker, Präsident der DSW

Klaus Rainer Kirchhoff, Vorstandsvorsitzender der Kirchhoff Consult AG

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

Ulrich Hocker, Präsident der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz)

Meine Damen und Herren,

auch ich darf Sie herzlich zu unserer Pressekonferenz hier in Frankfurt begrüßen.

Thema ist die Analyse der Prognoseberichte der DAX-30 Gesellschaften, die wir erneut gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft Kirchhoff Consult AG erstellt haben. Die detaillierten Studienergebnisse wird ihnen im Anschluss Klaus Rainer Kirchhoff vorstellen, den ich hiermit ebenfalls ganz herzlich begrüße.

Ohne Herrn Kirchhoff allzu weit vorzugreifen, kann ich jetzt aber schon sagen, dass die Ergebnisse uns – wie schon in den letzten Jahren – keinen Grund zur uneingeschränkten Freude geben. Zwar erreichten diesmal immerhin acht DAX-Gesellschaften das Prädikat „hohe Transparenz“, gegenüber sieben im vergangenen Jahr. Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Unternehmen, denen eine „niedrige Transparenz“ bescheinigt werden musste, von sechs im Vorjahr auf aktuell zehn. Diese Gesellschaften haben in ihren Prognoseberichten nicht nur auf quantitative Angaben zum Konzernergebnis verzichtet, sondern auch auf andere wichtige Informationen wie etwa solche zur zukünftigen Finanzierungsstruktur oder zur erwarteten Liquidität.

Es scheint unter den DAX-Managern immer noch eine ganze Reihe zu geben, die sich beim Formulieren ihrer zukunftsbezogenen Aussagen im Lagebericht nur allzu gerne an einer Weisheit des Münchner Komikers Karl Valentin orientieren.

Der hat einmal gesagt:

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

Das Zitat beschreibt die Herausforderung, vor denen Unternehmen bei der Erstellung des Ausblicks stehen, zwar durchaus treffend. Klar ist aber auch: für die interne Unternehmensplanung werden selbstverständlich Pläne mit konkreten Annahmen für das kommende Geschäftsjahr erstellt. Nur den Aktionären möchte man diese Informationen dann häufig lieber doch nicht zur Verfügung stellen – leider.

Dabei verlangt niemand, dass die Konzerne Gewinn und Dividende genau vorhersagen. Es geht vielmehr darum, Entwicklungen und Markttrends möglichst zielsicher zu prognostizieren und die daraus resultierenden Auswirkungen auf das eigene Unternehmen zu antizipieren. Das scheint mir keine unerfüllbare Anforderung an Manager, die den Markt kennen sollten, in dem sie sich bewegen.

Vor diesem Hintergrund war das Ziel der Untersuchung auch in diesem Jahr, aus den in den Geschäftsberichten der Gesellschaften veröffentlichten Prognoseberichten herauszufiltern, wie transparent, verständlich und vor allem wie genau und aussagekräftig die dort formulierten Erwartungen im Einzelnen sind. Analysiert wurden dabei alle wichtigen Komponenten sowohl im Ausblick als auch in den Prognosen. Diesmal haben wir zudem einen Blick auf die tatsächliche Einhaltung der Vorhersagen geworfen. Transparenz und Verständlichkeit sind schließlich nur die Pflicht, wenn es um Prognosen geht. Die Kür ist es, die gegebenen Vorhersagen einzuhalten. Vor allem an diesem Punkt trennt sich beim Management die Spreu vom Weizen.

Für die Aktionäre sind Fehlprognosen in der Regel eine äußerst kostspielige Angelegenheit. Kurse reagieren nun einmal empfindlich, wenn geweckte Erwartungen nicht erfüllt werden. Das mag ein Grund dafür sein, dass lediglich 17 der 30 DAX-Gesellschaften es im vergangenen Jahr gewagt haben, ihre Ergebnisse für 2013 quantitativ und damit überprüfbar zu prognostizieren. Entsprechend konnten auch nur diese 17 AGs auf ihre Prognosesicherheit hin analysiert werden, die übrigens im Schnitt relativ gut ausgefallen ist. In diesem Jahr legten immerhin schon 19 Gesellschaften eine quantifizierbare Ergebnisprognose vor.

Unsere Dividendenuntersuchung, die wir ja im April vorgestellt haben, zeigt, dass es oft nicht nur bei den Prognosen hapert, sondern häufig genug auch bei der Entwicklung der Gewinnausschüttungen. So qualifiziert sich kein einziges der 22 Unternehmen, die seit mehr als 20 Jahren gelistet und aktuell in einem der deutschen Auswahl-Indices enthalten sind, als sogenannter „Dividenden-Aristokrat“. In den USA ist das die Bezeichnung für Gesellschaften, die ihre Gewinnausschüttungen in den vergangenen 20 Jahren jedes Jahr erhöht haben.

In den USA liegt die „Aristokratenquote“ dagegen bei 15 Prozent. Insgesamt 47 der 306 US-Unternehmen, die seit mehr als 20 Jahren notiert sind und heute im S&P 500 gelistet werden, können dort auf einen „Track Record“ von mindestens 20 Dividendenerhöhungen in Folge zurückblicken. Mit Henkel, Munich Re und Siemens gibt es hierzulande zumindest drei Konzerne, die ihre Ausschüttung über zwei Dekaden hinweg nicht gesenkt haben.

Nicht unterschlagen werden sollte allerdings, dass in den USA der Anteil der Unternehmen, die sich einer Dividendenzahlung komplett verweigern, deutlich höher liegt als bei uns: Knapp ein Siebtel der S&P 500-Firmen hat seit 10 Jahren keine Gewinnanteile an ihre Anteilseigner ausgekehrt – im EURO STOXX ist die Totalausfall-Quote nahe Null.

Nach diesem kurzen Diskurs zum Thema „Dividenden“ nun aber wieder zurück zu den Prognoseberichten.

Wie wichtig diese sind, zeigt unter anderem die Tatsache, dass die Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) sie 2014 – wie schon 2013 – erneut in ihre Prüfungsschwerpunkte aufgenommen hat. Grund dafür war nicht zuletzt die Erhöhung der Anforderungen im Rahmen der Änderungen der Rechnungslegungsvorschriften DRS20. So müssen Prognosen sich nun auf die „bedeutsamsten“ Leistungsindikatoren beziehen. Leider bliebt unklar, welche genau das im Einzelnen sind. Etwas spezifischer sind da schon die Angaben zur Wahl der Prognose-Art. Rein vergleichende Angaben sind nicht mehr möglich und stellen einen Regelverstoß dar. Stattdessen wird verlangt, „Richtung und Intensität der Prognose künftig in Form von Punkt-, Intervall- oder qualifiziert-komparativen Prognosen abzugeben“.

Zu unserem Leidwesen, wurde mit der Zulassung „qualifiziert-komparativer“ Prognosen ein Schlupfloch für die Prognosemuffel unter den Gesellschaften gelassen. Reichen hierbei doch Angaben einer Veränderung im Vergleich zum Ist-Wert plus einer Beschreibung der „Qualität“ dieser Veränderung. Ein Beispiel wäre etwa die Erwartung eines „leicht steigenden“ Umsatzes. Was dabei unter „leicht“ zu verstehen ist, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Insgesamt werden gerade einmal vier Formulierungsbeispiele für qualifiziert-komparative Prognosen gegeben: „geringfügig, leicht, erheblich, stark“. Damit lassen sich Sätze bilden, deren Aussagekraft nahe Null liegt.

Etliche Gesellschaften greifen aber auf die Intervall-Prognose zurück und geben Bandbreiten für ihre Erwartungen an. Wenn diese nicht zu breit ausfallen, ist das aus unserer Sicht durchaus eine annehmbare Darstellungsform; ein guter Kompromiss zwischen Steuerung der Erwartungen des Kapitalmarkts und Gewährung eines gewissen Spielraums bei der Zielrealisierung.

Aus Anlegersicht eine wenig erfreuliche DRS20-Änderung ist die von mir ja bereits im letzten Jahr kritisierte Verkürzung des Prognosezeitraums von bisher „mindestens“ zwei Jahren auf ein Jahr. Gerade für langfristig orientierte Anleger waren diese Angaben trotz der damit verbundenen Unsicherheiten eine durchaus wichtige Information. Leider verzichten nun immer mehr Gesellschaften auf den Zwei-Jahres-Ausblick. Auch Prognosen für einzelne Segmente sind unter DRS20 nur noch dann erforderlich, wenn die voraussichtliche Entwicklung eines Bereichs von der erwarteten Entwicklung des Konzerns abweicht.

Bevor ich das Wort nun endgültig an Herrn Kirchhoff weitergebe, damit er die Ergebnisse der Studie im Detail vorstellen kann, noch eine kurze Bemerkung zur Systematik: Da der Untersuchungsschwerpunkt auf der Frage lag, wie anlegerfreundlich und transparent die DAX30-Gesellschaften die aktuellen Bilanzvorschriften umsetzen, sind freiwillig Langfristprognosen, die von einigen Unternehmen erstellt werden, nicht in die Bewertung eingegangen.

Damit übergebe ich das Wort an Herrn Kirchhoff, und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.