Aufsichtsräte entfernen sich von Aktionären

Der ehemalige Deutsche Bank Chef und vielfache Aufsichtsrat Hermann Josef Abs beschrieb das oberste Kontrollorgan deutscher Aktiengesellschaften einmal wie folgt: „Was ist der Unterschied zwischen einer Hundehütte und einem Aufsichtsrat? Die Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtsrat ist für die Katz.“ Heute befragt würde der Banker sicher zu einer etwas anderen Einschätzung kommen. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht zuletzt auf Grund der intensiven Diskussion über das Thema Corporate Governance sind die Anforderungen an die Kontrolleure deutlich gestiegen. Damit nicht genug: Während zu Abs Zeiten Aufsichtsratsmitglieder fast keine persönliche Verantwortung für ihre Entscheidungen tragen mussten, sind die Gremienmitglieder heute durchaus nicht zu unterschätzenden Haftungsrisiken ausgesetzt.

Als Reaktion auf diese Entwicklung werden die Kontrollgremien immer mehr zu einer Art „Obervorstand“ ausgebaut. Den jeweiligen Bereichen der operativen Ebene wird fast spiegelbildlich genau ein Fachmann im Aufsichtsrat gegenübergestellt. Da gibt es dann einen Controlling-, einen Vertriebs- und einen Technikexperten. Der Grundgedanke dieser Konstruktion ist sicher richtig. Schließlich ist es für einen Vorstand deutlich schwerer, einem Aufsichtsrat etwas vorzumachen, dessen Mitglieder selbst über das notwendige Know-how verfügen. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass das Kontrollgremium auch die Aufgabe hat, den Kontakt zu den Aktionären zu halten. Deshalb ist neben der sehr wichtigen fachlichen Qualifikation der Mitglieder, zusätzlich darauf zu achten, dass der Aufsichtsrat die Aktionärsstrukur widerspiegelt. Leider ist zu beobachten, dass dieser wichtige Aspekt zunehmend weniger beachtet wird. Die möglichen Folgen des fehlenden Kontakts zu den Aktionärskreisen wurden bei der Deutschen Börse AG exemplarisch vorgeführt.

Ulrich Hocker