DSW-Dividendenstudie 2017

Teilnehmer:

Marc Tüngler, DSW-Hauptgeschäftsführer

Prof. Dr. Dr. habil. Eric Frère, FOM Dekan und Direktor des isf – Institute for Strategic Finance

Christian W. Röhl, Gründer & Geschäftsführer DividendenAdel

Jürgen Kurz, Pressesprecher der DSW

  

Es gilt das gesprochene Wort

Redner: Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW 

 

Meine Damen und Herren,

auch ich darf Sie herzlich zu unserer heutigen Pressekonferenz zur Vorstellung der diesjährigen Dividendenuntersuchung begrüßen, die wir wieder in Kooperation mit der FOM Hochschule und der Research Plattform DividendenAdel durchgeführt haben.

Die Ergebnisse der Studie im Einzelnen werden Ihnen im Anschluss Professor Frère und Herr Röhl vorstellen, die ich ebenfalls sehr herzlich begrüße.

Analysiert wurden die Gewinnausschüttungen aller im Prime- und General-Standard sowie der im Freiverkehr (ab einer Marktkapitalisierung von 10 Millionen Euro) notierten Gesellschaften. Damit legen wir sicher auch in diesem Jahr eine der umfassendsten Dividendenanalysen vor.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Gewinnausschüttungen der Aktiengesellschaften erneut einen nicht unerheblichen Anteil zur Wertsteigerung der Aktien insgesamt beigetragen haben. Die 40 Milliarden-Euro-Marke konnte nicht nur wieder deutlich überschritten werden, es wurde mit über 46 Milliarden Euro auch ein neuer Dividendenrekord aufgestellt. Den Löwenanteil des Geldes überwiesen mit weitem Abstand einmal mehr die 30 im DAX notierten Gesellschaften – trotz zweier prominenter Ausfälle. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass der diesjährige Dividendenprimus erneut aus diesem Index stammt. Wie schon im letzten Jahr steht die Daimler AG hier ganz oben.

Erfreulicherweise setzte sich dank funktionierender Geschäftsmodelle und eines sich verfestigenden Wunsches der Anteilseigner nach Dividendenkontinuität der Trend zur Gewinnausschüttung aber auch bei den AGs in den kleineren Indices fort. So legten die Zahlungen im MDAX um fast 20 Prozent zu, im SDAX und TecDAX um knapp 23 bzw. 22 Prozent.

Ein Wermutstropfen bleibt, dass über alle Indices hinweg etliche Gesellschaften die seitens der DSW geforderte Ausschüttungsquote von 50 Prozent nach wie vor mehr oder weniger klar verfehlen. Doch damit nicht genug: Über die letzten drei Jahre ist auf breiter Front, also sowohl in den Auswahlindices als auch bei den Nebenwerten, ein Rückgang der Ausschüttungsquote zu verzeichnen, der aus Sicht der DSW nicht akzeptabel ist. Hier gibt es eindeutig Klärungsbedarf. Eines ist sicher: Wer in dem aktuellen Umfeld keine Dividende zahlt, für den wird es noch schwerer, wenn etwa die Zinsen steigen, die Energiepreise anziehen oder der Euro stärker wird. Auch das müssen Anleger ins Kalkül ziehen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Ein weiterer, deutlich größerer Wermutstropfen ist allerdings die geographische Verteilung der Dividenden, die unmittelbar mit den – aus Sicht der DSW – verfehlten Anlagevorlieben der Deutschen zu tun hat.

Dabei wären die Rahmendaten nicht schlecht. Immerhin liegt die Sparquote in Deutschland bei rund 9,8 Prozent. Von jedem jährlich verdienten Tausender werden somit durchschnittlich 98 Euro auf die hohe Kante gelegt. Damit ließe sich schon eine ganz gute Rendite erwirtschaften. Doch die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer – daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können.

Von dem gesamten Geldvermögen, das Ende 2016 bei etwa 5,7 Billionen Euro lag und damit 4,1 Prozent höher als im Vorjahr, wurden unglaubliche 21 Prozent in Sichteinlagen geparkt, das sind – in der Regel unverzinste – Girokonten. 11 Prozent lagen in Spareinlagen, gut 4,5 Prozent in Termineinlagen. Den größten Anteil ihres Ersparten bunkern die Deutschen aber – wie schon seit Jahrzehnten – in Lebens- und Rentenversicherungen. 32 Prozent des Geldes der Privathaushalte hierzulande liegt in solchen Anlageformen.

Die rund 9 Millionen Aktionäre, die es in Deutschland gibt, das sind etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung, haben knapp 460 Millionen Euro in Aktien investiert, was rund 8 Prozent des gesamten Geldvermögens entspricht.

Die Zahlen zeigen: Die Aktie führt in Deutschland ein Schattendasein. Und das trotz fehlender Anlagealternativen – trotz der vielfach belegten Überlegenheit der Aktie als Langfristinvestment und trotz Jahr für Jahr reichlich fließender Dividenden. Über diese freuen sich stattdessen vor allem ausländische Investoren. Wie sich das im Einzelnen auswirkt, zeigt ein kurzer Blick auf die Aktionärsstrukturen der im DAX notierten Gesellschaften, soweit diese eine regionale Segmentierung ihres Aktionariats veröffentlichen. Im Schnitt liegt danach der Anteil der im Ausland liegenden Aktien bei über 70 Prozent. Bei etlichen AGs, wie etwa Adidas, SAP, Henkel oder Linde gehen sogar teilweise knapp 90 Prozent oder mehr der Gewinnausschüttung ins Ausland.

 

Es sieht fast so aus, als hätten die deutschen Anleger kein Vertrauen in unsere Wirtschaft. Doch wahrscheinlich liegt die Erklärung weniger in dem mangelnden Vertrauen in die hier ansässigen Unternehmen, als vielmehr in der bereits beschriebenen Abneigung gegen die Aktie als Anlagevehikel.

Für uns als DSW wäre es ein entscheidender Schritt nach vorne, wenn die Anleger die Aktie als ganz normales, vor allem für Langfristziele geeignetes Investment akzeptieren würden, das in keinem Portfolio fehlen darf – als ein Investment für jedermann und nicht als eine Domäne der Vermögenden oder besonders risikoaffiner Anleger. Schließlich rentieren Aktien nicht nur in Zeiten extrem niedriger Zinsen im Schnitt besser als verzinsliche Anlagen. Sie tun dies auch – gerade im Langfristvergleich – in Normalzinszeiten. Es ist schade, dass hierzulande nicht mehr Anleger diese Chance nutzen, langfristig und nachhaltig an den Erfolgen der deutschen Wirtschaftsunternehmen zu partizipieren.

Dabei wäre es durchaus möglich, den Deutschen die Aktie als Anlagealternative schmackhaft zu machen. Dazu ist allerdings der politische Wille notwendig, an den bisherigen Verhältnissen aktiv etwas zu ändern. Die Hebel, an denen die Politik ansetzen könnte, sind – kurz gesagt – die Steuern, die Regulierung und die Bildung. Wobei der Steuerhebel sicher derjenige ist, mit dem kurzfristig am meisten zu erreichen wäre.

So brauchen wir statt der fruchtlosen Diskussion über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer oder die Abschaffung der Abgeltungssteuer eine steuerliche Begünstigung für langfristig ausgelegte Aktienanlage. Der ein oder andere wird sich da sicher noch an die sogenannte Spekulationsfrist erinnern. Aus Sicht der DSW wäre die Einführung einer Staffelsteuer sinnvoll, bei der der Steuersatz für realisierte Gewinne im Laufe der Haltezeit der Aktien sinkt, um irgendwann, beispielsweise nach zehn Jahren, bei Null zu landen. Das würde die Langfristanleger, die etwa Kapital für die Altersvorsorge ansparen wollen, belohnen. Zudem wäre eine steuerliche Begünstigung der Ausgabe von Belegschaftsaktien wünschenswert.

Bei der Regulierung scheint sich immerhin im Bereich der Produktinformationsblätter (PIB) etwas zu tun. Der Zwang, für jede Einzelaktie ein solches PIB vorzuhalten, wird wohl zugunsten eines allgemeinen PIBs fallen, das die Aktie als Anlageinstrument allgemein erläutert. Damit hätten die Banken zumindest die Möglichkeit, wieder verstärkt in die Beratung für Einzelwerte einzusteigen. Ob sie diese Möglichkeit aktiv nutzen, bleibt abzuwarten. Mit Blick auf die Provisionierung bin ich da nicht sonderlich optimistisch.

Zum Thema Bildung muss ich eigentlich nicht mehr viel sagen. Die Forderung, endlich ein Fach „Wirtschaft“ an den deutschen Schulen einzuführen, ist schon fast so alt wie die DSW – und wir werden in diesem Jahr 70.

Damit beende ich meinen kleinen Ausflug in die Politik und komme zurück zur Dividendenstudie. Ohne die folgenden Informationen verwässern zu wollen, möchte ich im Vorfeld noch auf einen wichtigen Aspekt hinweisen:

Die Dividende ist sicher ein wichtiges aber eben nicht das alleinige Kriterium, nach dem eine Aktie beurteilt werden sollte. Das hat unter anderem die von uns vor einigen Tagen veröffentlichte Liste mit den 50 größten Kapitalvernichtern gezeigt. Immerhin 30 der 50 Unternehmen hatten in dem Fünfjahreszeitraum, den wir betrachtet haben, mindestens einmal Dividenden gezahlt. Trotzdem bescherten sie ihren Aktionären massive Kursverluste, die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten.

Auch die Dividendenrendite, also die ins Verhältnis zum Aktienkurs gesetzte Gewinnausschüttung, ist als einzelne Kennzahl mit Vorsicht zu genießen. Schließlich ist der Börsenkurs immer der Versuch, den Unternehmensgewinn der nächsten Jahre vorherzusagen. Trüben sich die Aussichten ein, sinkt der Kurs. Bei gleichbleibender Dividendenerwartung steigt entsprechend die Dividendenrendite. Sollten sich die reduzierten Gewinnannahmen der Börsianer als wahr herausstellen und sich das Ganze zu einer handfesten Krise auswachsen, geht der Kurs noch weiter in die Knie. Selbst wenn die Gesellschaft trotz der angespannten Lage – mit Blick auf die Dividendenkontinuität –  an der Höhe der Gewinnausschüttung festhält, reicht dies dann meist nicht aus, um die Kursverluste zu kompensieren. Und sollte die Gesellschaft die Probleme nicht in den Griff bekommen, folgt nach einiger Zeit fast zwangsläufig die Dividendenreduzierung oder gar der Dividendenausfall.

Eine Entwicklung, mit der bei den Ausschüttungsspitzenreitern der Dividendenstudie kaum zu rechnen ist. 

Nun aber zu den versprochenen Einzelergebnissen der Untersuchung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.