DSW-Watchlist 2012

Teilnehmer:
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer
Jürgen Kurz, Pressesprecher

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

Meine Damen und Herren,

die letzten Jahre waren für Anleger sicher alles andere als durchschnittlich. Nach dem Platzen der hochfliegenden Dot-Com-Träume und dem damit verbundenen Absturz der weltweiten Aktienmärkte – der DAX erreichte den Tiefpunkt von rund 2200 Punkten im März 2003 – folgte eine lange Aufschwungphase. Anfang 2007 lag der DAX bereits wieder bei über 6600. Im Juli 2007 wurde sogar die 8000er-Marke geknackt. Der Absturz in Folge der durch den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes hervorgerufenen weltweiten Finanzkrise drückte den Index der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften bis zum März 2009 dann wieder unter eine Schwelle von 3700 Punkten. Danach kletterten die Kurse erneut kontinuierlich nach oben.

Mitte 2011 folgte dann der nächste Einbruch. Der DAX rauschte innerhalb weniger Tage von Werten über 7400 Punkten auf 5100 nach unten. Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone und die Furcht vor einer weiteren massiven Bankenkrise nach einer Pleite Griechenlands, hatten die Stimmung auf dem Börsenparkett nachhaltig eingetrübt. Hinzu kamen exogene Schocks, wie der verheerende Tsunami in Japan. Ende 2011 lag der DAX dann bei knapp 5700 Punkten und damit mehr als 10 Prozent unter dem Wert von Anfang 2007. Halbwegs glücklich konnten sich in dem Umfeld eigentlich nur die Aktionäre schätzen, deren Unternehmen in der Lage waren, eine Dividende auszuschütten.

Das Jahr 2011 war isoliert betrachtet noch weniger erfreulich. Obwohl auch im Einjahresvergleich zunächst alles ausgesprochen hoffnungsvoll begann. Die Krise schien bewältigt. Die Kurse kannten seit März 2009 nur eine Richtung: Nach oben. Im Juli 2011 kam dann der erneute Absturz. Verantwortlich hierfür war neben der Katastrophe in Japan in erster Linie die Rückkehr der Angst vor den Folgen der Staatsverschuldungskrise im Euroraum. Am Ende ging der Index mit einem Minus von 14,7 Prozent aus dem Jahr.

Bei den kleineren Unternehmen sah die Entwicklung nicht besser aus. Der TecDAX verlor im Jahr 2011 über 16 Prozent. Im Fünfjahresvergleich lag das Minus bei gut 9 Prozent.

Die im MDAX notierten Gesellschaften konnten sich im Langfristvergleich etwas besser halten. Über fünf Jahre ging es für den Index der mittelgroßen Unternehmen um 5,75 Prozent nach unten. 2011 lag der MDAX mit 12,3 Prozent unter Wasser.

Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen die aktuelle DSW-Watchlist, die Liste der 50 größten Kapitalvernichter, entstanden ist. Auch in diesem Jahr haben wir dafür gemeinsam mit unserer Mitgliederzeitschrift Focus Money die „dunkle“ Seite des Börsenzettels unter die Lupe genommen. Die Seite, auf der Unternehmen zu finden sind, die ihren Anlegern vor allem eins bringen: Verluste.

Bevor ich nun zur eigentlichen Watchlist komme, möchte ich noch ein paar Worte zur Systematik sagen:

Die Liste, die in den 90er Jahren entstanden ist, war ursprünglich als Unterstützung für unsere DSW-Hauptversammlungssprecher gedacht. Sie sollte es den Sprechern ermöglichen, schnell zu erkennen, bei welchen Gesellschaften insbesondere die langfristige Kursentwicklung im Argen lag. Dass wir seit einigen Jahren die Negativliste öffentlich machen, hat mit der Überzeugung zu tun, dass jeder Anleger das Recht auf unabhängige Informationen hat, die auf konkrete Risiken hinweisen. Bewusst beschränken wir uns dabei auf die über 360 im Prime Standard notierten Werte, da das die Gesellschaften sind, in die Privatanleger in der Regel ihr Geld investierten.

Maximal kann sich das Minuskonto eines dieser Unternehmen auf 1000 Punkte summieren. Dieses Konto setzt sich zusammen aus dem Punktergebnis der betrachteten Zeiträume, also der Entwicklung über ein, drei und fünf Jahre. Die Entwicklung im 5-Jahres-Zeitraum wird am stärksten gewichtet. Die Gesellschaft mit der höchsten Kapitalvernichtung in dieser Zeit erhält einen Malus von 500 Punkten. Das 3-Jahres-Intervall bringt maximal minus 300 Punkte, die 1-Jahres-Performance kann mit einem Minus von höchstens 200 Punkten zu Buche schlagen. Kurzfristige Ausrutscher spielen daher für das Gesamtergebnis keine große Rolle. Dividenden und Sonderzahlungen bleiben bei der Betrachtung, die ein reiner Performancevergleich ist, außen vor. Unternehmen, die noch keine fünf Jahre am Markt sind, werden ebenso wenig berücksichtigt wie solche, die mittlerweile Insolvenz angemeldet haben.

Kurz noch ein Wort zu den farblichen Markierungen in der Ihnen vorliegenden Liste:

Mit Gelb wurden Felder gekennzeichnet, wenn der Kursverlust in dem entsprechenden Zeitraum unter 20 Prozent lag. Mit Blau sind die wenigen Zeiträume markiert, in denen AGs, die sich auf der Watchlist befinden, ein Kursplus geschafft haben. Und grau steht für die schlechteste Performance von allen im Prime-Standard vertretenen Werten in dem jeweiligen Zeitraum.

Nun aber zur Liste der 50 größten Kapitalvernichter:

Angeführt wird die Liste, wie bereits im vergangenen Jahr, von einem Unternehmen aus der arg gebeutelten Solarbranche. Der Solaranlagenanbieter Conergy, der im vergangenen Jahr immerhin schon auf Platz sechs lag, hat die rote Laterne übernommen. Die Solon AG, die in der letzten DSW-Watchlist den Titel des größten Kapitalvernichters für sich beanspruchen konnte, ist mittlerweile insolvent. Ebenso wie QCells, der Drittplatzierte des vergangenen Jahres.

Wer die Watchlist gerade in den letzten Jahren verfolgt hat, den konnte die dramatische Entwicklung, die die Solarbranche in den zurückliegenden Wochen und Monaten durchleiden musste, nicht überraschen. Die Zeichen standen schon länger auf Sturm. Da verwundert es nicht, dass mit der Phoenix Solar der höchste Neueinsteiger in der Liste ebenfalls aus dem Geschäft mit der Sonne stammt. Die AG, die sich selbst als „Photovoltaik Systemhaus“ bezeichnet, liegt auf Rang 5.

Die hohe Präsenz von Werten aus der Solarbranche zeigt deutlich, dass Anleger sich dafür hüten sollten, bei ihren Investitionsentscheidungen Trends als Grundlage zu nutzen, statt einer genauen Analyse. Gerade wenn es um eine Branche geht, deren Geschäftsmodell am Subventionstropf der Regierung hängt, ist das keine gute Idee. Besonders gefährlich wird es, wenn bei der Begeisterung für ein Thema zusätzlich die Risikodiversifizierung des eigenen Depots vergessen wird.

Zur Ehrenrettung von Conergy kann immerhin gesagt werden, dass die Gesellschaft bis zum Ausscheiden des Holzwerkstoffkonzerns Pfleiderer wegen Insolvenz lediglich auf dem zweiten Platz der Watchlist rangierte.

Auf Platz zwei folgt mit der Schweizer Beteiligungsgesellschaft Corporate Equity Partner, die aus dem Neue-Markt-Wert Fantastic hervorgegangen ist, eine Gesellschaft, die schon fast zum Inventar der Liste gehört. Das Unternehmen ist denn auch das erste, dem es gelingt, dreimal hintereinander in die Top-Drei vorzustoßen, ohne in die Insolvenz zu gehen. 2008 lag die Gesellschaft übrigens schon einmal auf Platz eins der Liste. Das Fazit kann hier nur lauten: Im Prime Standard hat in den vergangenen Jahren kein Unternehmen derart konsequent das investierte Kapital seiner Aktionäre vernichtet.

Auf Rang drei ist die Beteiligungsgesellschaft November AG gelandet, die sich auf das Segment der Medizin-, Bio- und Umwelttechnologien fokussiert.

Den größten Sprung in der Watchlist vollführte die Baumarktkette Praktiker. Sie kam von Platz 50 auf Rang 6. Aus dem Rabattkönig der vergangenen Jahre ist ein Sanierungsfall geworden. Während Konkurrenten wie OBI oder Hornbach steigende Umsätze vorzeigen können, schockte Praktiker mit Nettoverlusten von 554 Millionen Euro. Jetzt sollen zusätzlich zu den Aktionären auch die Anleihegläubiger bluten.

Mit dem Energieversorger RWE, der sowohl mit Stück- als auch mit den Vorzugsaktien vertreten ist, und der Commerzbank sind erneut zwei DAX-Werte in der Watchlist vertreten.

Mit RWE taucht erstmals einer der großen erfolgsverwöhnten Energieversorger in der Liste der 50 größten Kapitalvernichter auf. Hier wird sich auf der anstehenden Hauptversammlung am 19.4. zeigen, inwieweit das Management des Unternehmens es versteht, die Herausforderungen der ebenso unerwarteten wie kostspieligen Energiewende anzunehmen und eine strategische Antwort darauf zu finden. Da die RWE-Papiere im Jahr 2012 bereits eine respektable Aufholjagd hingelegt haben, gehen wir davon aus, dass der Auftritt in der Watchlist ein einmaliges Ereignis bleiben wird.

Dass deutsche Großbanken auf der DSW-Watchlist zu finden sind, ist dagegen fast schon zur traurigen Routine geworden. Die Commerzbank ist bereits das dritte Jahr hintereinander dabei. Und in diesem Jahr hat es das von der Krise massiv gebeutelte Institut erstmals sogar in die wenig ruhmreichen Top-Ten geschafft. Viel Spielraum blieb Vorstandschef Martin Blessing zuletzt nicht, um für positive Überraschungen zu sorgen. Der Staatsanteil von 25 Prozent und dessen Rückführung lasten wie Blei auf dem Institut. Auch die aktuelle Krise setzte der Bank wieder mächtig zu.

Verabschieden konnte sich dagegen das DAX-Schwergewicht Deutsche Bank, das im vergangenen Jahr noch auf Platz 48 rangierte. Die Deutsche Postbank, die auf Rang 34 lag, hat den Absprung ebenfalls geschafft.

Damit bin ich fast schon am Ende meiner Ausführungen zur DSW-Watchlist.

Grundsätzlich sei noch gesagt, dass es nicht unbedingt ein Verkaufssignal sein muss, wenn eine Gesellschaft auf der Liste auftaucht. Ein funktionierendes Geschäftsmodell vorausgesetzt, ist es manchmal sogar genau das Gegenteil.

Aber es ist auf jeden Fall ein Warnsignal, das man als Aktionäre ernst nehmen sollte. Bei diesen 50 Gesellschaften lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Genau das werden auch die Hauptversammlungssprecher der DSW wieder machen, wenn sie auf die Aktionärstreffen dieser Unternehmen gehen.

Aber natürlich wird es nicht ausreichen, nur bei den 50 Kapitalvernichtern die Managementleistung kritisch zu hinterfragen. Wir werden auf den restlichen rund 600 Hauptversammlungen, die von der DSW besucht werden, ebenfalls intensiv nachfragen und wenn es notwendig ist, den Finger in die Wunde legen.

Neben solchen unternehmensspezifischen Fragen gibt es in der Hauptversammlungssaison 2012 aber auch einige übergeordnete Themen, die ich Ihnen zum Abschluss vorstellen will.

Die Hauptversammlungsthemen 2012

Aufgrund der guten Zahlen des Geschäftsjahres 2011 wird die diesjährige Hauptversammlungssaison insgesamt wohl eher ruhig verlaufen. Große Debatten sind lediglich bei den Unternehmen zu erwarten, die im vergangenen Jahr enttäuscht haben oder bei denen es ungewisse Zukunftsperspektiven gibt.

Das gilt beispielsweise für weite Teile des Energiebereichs. Von den großen Energieversorgern wie RWE und Eon erwarten wir hier klare Worte zur geschäftlichen Ausrichtung nach der Energiewende.

Dass es bei den in der Solarbranche tätigen Unternehmen viel Redebedarf geben wird, muss nach den Ergebnissen der Watchlist wohl nicht extra betont werden.

Neben dem Energiesektor stehen fast schon traditionsgemäß die Banken im Fokus. Dabei geht es natürlich darum, wie die einzelnen Institute auf die weitere Entwicklung der europäischen Schuldenkrise vorbereitet sind. Auch die steigenden Anforderungen an die Kapitalausstattung wird Anlass zu Nachfragen bieten. Bei der Deutschen Bank wird sicher auch über den Wechsel an der Spitze des Unternehmens zu sprechen sein.

In Bezug auf Prognosen und Dividenden erwarten wir von allen Gesellschaften klare Aussagen. Die Zeiten, in denen auf Prognosen mit Hinweis auf die Finanzkrise verzichtet wurde, sind endgültig vorbei. Gleiches gilt für Aussagen zur Dividendenausschüttung. Die Aktionäre haben ein Recht auf mehr Planungssicherheit. Und dies wird nicht zuletzt durch eine klare Dividendenstrategie erfüllt. Doch auch die Gesellschaften profitieren von einer deutlichen Positionierung in Sachen Dividendenzahlung. Es ist ein echter Wettbewerbsvorteil im Kampf um neues Eigenkapital.

Dass in den Unternehmen langsam aber sicher ein Umdenken stattfindet, zeigt beispielsweise der US-Konzern Apple. Die Gesellschaft, die bisher notorischer Verweigerer einer Gewinnausschüttung an seine Aktionäre war, wird in diesem Jahr erstmals Dividende zahlen.

Für die Aktionäre ist das eine erfreuliche Entwicklung. Schließlich ist die Dividende neben den potenziellen Kurssteigerungen ein wichtiger Bestandteil der Geldanlage in Aktien. Historisch betrachtet wird über ein Drittel der Gesamtrendite bei Aktienanlagen mit dieser jährlichen Zahlung erzielt.

Was die aktuelle Dividendenhöhe angeht, ist zwar aufgrund des sehr guten Geschäftsjahres eine deutliche Steigerung zu verzeichnen. Allein die Dax-Konzerne überweisen in diesem Jahr 27,5 Milliarden Euro an ihre Aktionäre. Das sind sechs Prozent mehr als 2011 und fast so viel wie im Rekord-Dividendenjahr 2008, als 27,7 Milliarden Euro an die Aktionäre flossen. 18 Dax-Konzerne haben die Dividende für 2011 angehoben.

Das ist allerdings kein Grund, in Jubel auszubrechen. So überweisen 13 der im DAX notierten Unternehmen immer noch weniger an ihre Anteilseigner als vor fünf Jahren. Auch ist die Ausschüttungsquote beim Gros der deutschen Gesellschaften noch weit von den 50 Prozent entfernt, die die DSW von Substanzunternehmen fordert. Nur in Perioden starken Wachstums, beispielsweise bei Unternehmen im High-Tech-Bereich, sollte von dieser Regel abgewichen werden.

Bei einem Gesamtgewinn von rund 100 Milliarden Euro, den die 30 DAX-Konzerne im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftet haben, könnte die Ausschüttung um knapp 20 Milliarden Euro höher liegen. Es gibt also noch Luft nach oben.

Ein Thema, das auch in dieser Hauptversammlungssaison wieder eine wesentliche Rolle spielen wird, ist die Vorstandsvergütung. Wir sind sehr glücklich darüber, dass im letzten Jahr alle 30 DAX-Werte der DSW-Forderung gefolgt sind und die Vergütungssysteme ihrer Vorstände durch die Hauptversammlung haben beschließen lassen. Damit wurde eine Praxis etabliert von der wir erwarten, dass diese sich auch bei den kleineren Unternehmen durchsetzen wird.

Viel diskutiert wurde in den vergangenen Wochen über die Höhe der Vorstandsgehälter. Hierzu sei noch einmal deutlich gesagt, dass die DSW nichts von einer gesetzlich festgelegten Höchstgrenze hält. Die Festlegung der Gehälter ist eine Aufgabe des Aufsichtsrates in seiner Funktion als Vertreter der Eigentümer der Gesellschaft. Und das sollte auch so bleiben. Der Aufsichtsrat ist auch das richtige Gremium, wenn es darum geht, Ausreißer nach oben zu verhindern. Hier gibt es sicher noch Nachholbedarf. Zudem hat der Aufsichtsrat dafür zu sorgen, die Gehaltssysteme so transparent zu machen, dass die Aktionäre sie beurteilen können.

Ein weiteres Thema ist die so genannte Diversity und dort insbesondere die Frauenquote. Zum zweiten Mal nach 2011 müssen sich die Unternehmen in ihrer Corporate Governance-Erklärung über ihre Vorstellung zu einer sachgerechten Zusammensetzung des Aufsichtsrates, des Vorstandes und der Führungsebenen erklären.

Was die Aufsichtsräte betrifft, wird das Jahr 2012 ein Übergangsjahr sein. Wir erwarten daher in Bezug auf die Veränderung der Quoten nicht allzuviel. In diesem Jahr werden auf der Kapitalseite der Kontrollgremien der DAX-Gesellschaften insgesamt 38 Posten neu besetzt. Das sind gerade einmal 1,3 pro Unternehmen. Die wirkliche Nagelprobe steht im nächsten Jahr an. Dann geht es immerhin um 78 Aufsichtsratsmandate.

Last but not least wird die Frage zu stellen sein, wie es nach dem Rekordjahr 2011 weiter geht. Wie sehen die Planungen aus? Existiert ein worst case szenerio für den Fall, dass die Staatsschuldenkrise eskaliert und zu einem dramatischen Rückgang der Wirtschaftsleistung führt?

Eine Liste mit möglichen Fragen zu diesem Themenkomplex liegt Ihren Unterlagen bei.

Damit bin ich auch schon am Ende meines kurzen Parforceritts durch die Hauptversammlungsthemen 2012.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen nun gerne für Fragen zur Verfügung.