Europa braucht eine eigene Ratingagentur
Im Juli treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen zum G8-Gipfel in Japans Hauptstadt Tokio. Bundeskanzlerin Merkel wird dabei auch ein heikles Thema auf die Agenda bringen: Die deutsche Regierungschefin fordert ein Umdenken bei der Regulierung der Finanzmärkte. Es habe sich gezeigt, dass das angelsächsisch geprägte Modell der Regulierung der internationalen Märkte Lücken hat. Die Krise an den Finanzmärkten hat dies eindeutig an den Tag gebracht. Zugleich will Merkel das größere wirtschaftliche Gewicht der Euro-Zone in mehr Einfluss bei der Regulierung ummünzen: Eines ihrer Ziele ist die Gründung einer eigenen europäischen Ratingagentur.
Die DSW begrüßt diesen längst überfälligen Schritt: Es ist höchste Zeit, dass die Finanzmärkte ein Gegengewicht zu Oligopol der US-Ratingagenturen bekommen. Heute dominieren S&P, Moody´’s und Fitch das milliardenschwere Geschäft mit der Bonität fast im Alleingang. Dabei sind die Benotungen der US-Agenturen keinesfalls unumstritten. Im Gegenteil: Sowohl in der Asienkrise Ende der 90er Jahre als auch in der aktuellen Subprime-Krise haben die Ratingagenturen als Hinweisgeber für erhöhte Ausfallrisiken versagt. Viele Papiere mit drittklassigen US-Hypothekendarlehen hatten zuletzt beste Bonitätsnoten von den Prüfern bekommen.
Auch die Transparenz der Ratingagenturen ist mangelhaft: Die Analysesystematik, die Benotungsprinzipien und die Kostenstruktur sind von außen schwer durchschaubar. Umstrittene Bonitätsabstufungen wie vor einigen Jahren beim Stahlkonzern ThyssenKrupp zeigen, dass die angelsächsisch geprägten Bewertungmodelle der Agenturen hierzulande nur schwer anwendbar sind.
Ulrich Hocker

