Europa braucht eine starke Börse

Die Schlacht um die Vierländer-Börse Euronext, deren Hauptsitz in Paris ist, schien geschlagen, die Beute verteilt. Der US-Handelsplatz New York Stock Exchange (NYSE) sah wie der sichere Sieger aus, während die Deutsche Börse AG sich mit blutiger Nase humpelnd zurückziehen musste. Zwar lag das Frankfurter Angebot mit rund 8,6 Milliarden Euro (nach damaligem Kurswert) rund 600 Millionen Euro höher als die Offerte aus New York. Doch die Amerikaner versüßten den Euronext-Anteilseignern ihr Angebot mit einem deutlich größeren Baranteil. Statt 870 Millionen Euro, wie die Deutsche Börse, boten die Amerikaner satte 2,4 Milliarden Euro in bar.

Doch nun wird der Kampf um die Euronext neu eröffnet. Und der Kanonendonner kommt aus eher unerwarteter Richtung. Sowohl der französische Staatspräsident Jacques Chirac als auch EZB-Chef Jean-Claude Trichet äußerten starke Sympathie für eine europäische Lösung. Wenn auch unterschwellig zu vernehmen war, dass grundsätzlich gegen eine französische Führungsrolle dabei nichts einzuwenden sei, ist der Ansatz sicher nicht falsch. Für den Wirtschaftsstandort Europa ist ein Handelsplatz von internationaler Bedeutung von großer Wichtigkeit. Nur so könnte der immer mächtiger werdenden Wall Street Paroli geboten werden. Mit einer Fusion von Euronext und NYSE wäre der Traum vom einheitlichen EU-Kapitalmarkt wohl endgültig ausgeträumt. Schließlich schreitet die Übernahme der Londoner Börse (LSE) durch den US-Technologie-Handelsplatz Nasdaq kontinuierlich voran. Bleibt zu hoffen, dass ein neues Angebot der Deutschen Börse, mit deutlich aufgestocktem Baranteil, zusammen mit den freundlichen Präsidentenworten beim Euronext-Management zu einem Umdenken führen.

Ulrich Hocker