Mit der deutschen Gemütlichkeit ist es vorbei
Die viel gescholtene Deutschland AG ist Geschichte. Vorbei die beschauliche Zeit, als Banken oder Versicherungen noch an fast allen größeren deutschen Industrieunternehmen beteiligt waren und dafür sorgten, dass – auch wenn es mal schwierig wurde – das Geld nicht ausging. Schließlich war man ja nicht nur einflussreicher Aktionär, sondern auch Kreditgeber und Geschäftspartner. Die rheinische Konsensrepublik hat eben nicht nur in der Politik ihre Spuren hinterlassen, sondern wurde auch in der deutschen Wirtschaft aktiv gelebt.
Die Globalisierung und der immer härter werdende Wettbewerb um das Kapital bereitet der deutschen Wirtschaftsgemütlichkeit ein jähes Ende. So wurden die Renditeziele für Banken deutlich nach oben korrigiert. Nicht umsonst strebt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent an. Die hierfür notwendige Konzentration aufs Kerngeschäft brachte bei allen Instituten zwangsläufig eine Reduzierung der Industriebeteiligungen mit sich – mit teils unangenehmen Folgen für die harmonieverwöhnte Wirtschaft hierzulande.
Heutzutage haben internationale Finanzinvestoren das Sagen, die nach anderen, härteren Regeln spielen und ohne Erbarmen ihre eigenen Interessen durchsetzen. Dass diese nicht immer mit denjenigen des jeweils betroffenen Unternehmens übereinstimmen müssen, hat jüngst Werner Seifert, Vorstandschef der Deutschen Börse AG, feststellen müssen. Seit kurzem an der Frankfurter Gesellschaft beteiligte Hedge Fonds verhinderten die geplante Übernahme der Londoner Börse (LSE) und erreichten, dass Teile der für den Kauf zurückgelegten Gelder im Rahmen eines Aktienrückkaufprogramms an die Anteilseigner ausgezahlt werden. Die Spekulation auf eine Ausschüttung der Mittel ist also aufgegangen. Und dies, obwohl der LSE-Kauf betriebswirtschaftlich für die Frankfurter durchaus Sinn gemacht hätte.
Ulrich Hocker

