DSW-Studie zur Vorstandsvergütung

Die Höhe der Managergehälter wird in Deutschland heftig diskutiert. Die DSW hat bei den großen Aktiengesellschaften ganz genau hingesehen und sagt, wer was bekommt.

Teilnehmer:

Jella Benner-Heinacher, Geschäftsführerin

Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer

Christiane Hölz, DSW-Rechtsanwältin

Jürgen Kurz, Pressesprecher

Es gilt das gesprochene Wort

Die Diskussion über die Gehälter von Vorständen hat sich in diesem Jahr fortgesetzt und intensiviert. Daran haben auch bessere Kursentwicklung und zum großen Teil gute Unternehmensergebnisse nichts geändert. Der Eindruck, dass in den Chefetagen die Gier vorherrscht, hält sich beständig. Genährt beispielsweise durch Vorstände wie Jean Pierre Garnier, Chef des britischen Pharmaunternehmens Glaxo Smith Kline. Garnier wollte sich trotz sehr durchwachsener Ergebnisse sein Gehalt verdoppeln. Er scheiterte mit diesem Wunsch am Widerstand der Aktionäre, die in Großbritannien seit Anfang 2003 in der Hauptversammlung über die Gehaltsforderungen abstimmen können. Zwar ist das Ergebnis rechtlich nicht bindend, zeigt aber offensichtlich Wirkung. Das Gehalt von Herrn Garnier wurde nicht erhöht.

Der Ex-Chef der New Yorker Börse, Richard Grasso, hat ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen, die Diskussion noch zu verschärfen. Grasso musste seinen Sessel räumen, als bekannt wurde, dass er inklusive seiner Pensionsansprüche auf die astronomischen Bezüge von rund 140 Millionen Dollar kommt.

Grund genug für die DSW, auch in diesem Jahr wieder genau unter die Lupe zu nehmen, was die 30 Aktiengesellschaften, die im DAX zusammengefasst sind, ihren Vorständen jährlich überweisen. Verglichen wurden die Gehälter aus den Geschäftsjahren 2001 und 2002. Da uns nicht nur die Höhe der gezahlten Vergütungen interessiert, sondern auch der Zusammenhang zwischen Gehaltsveränderungen und wirtschaftlicher Entwicklung des Unternehmens, haben wir zusätzlich die Entwicklung des Ergebnis je Aktie ermittelt.

Bevor ich zu den Ergebnissen komme, etwas zur Systematik der Untersuchung. Im Gegensatz zum letzten Jahr hatten wir es diesmal mit zwei Gruppen unterschiedlicher Transparenz zu tun. Die Gesellschaften, die die Gehälter ihrer Vorstände individualisiert veröffentlichen, und diejenigen, die hierauf verzichten. Für die Letztgenannten wurden wie schon im vergangenen Jahr zunächst auf Basis der Geschäftsberichte Schätzwerte ermittelt. Dies ist meist relativ schwierig, da wesentliche Abweichungen etwa aufgrund von Abfindungszahlungen an ausgeschiedene Vorstandsmitglieder oder auch die so genannten „golden hellos“, also Antrittsgelder für neue Mitglieder, in der Gesamtsumme enthalten sein können. Daher kann man aus dem Geschäftsbericht allein meist keine aussagekräftigen Zahlen ermitteln.

Zusätzlich erschwert wurde die Auswertung dadurch, dass in den Geschäftsberichten, soweit sie nicht individualisiert waren, zum Teil Aktienoptionen und variable Vergütungsbestandteile für vorangehende Geschäftsjahre oder auch zurückgestellte variable Beträge, die erst im Folgejahr fällig werden, enthalten sind. Die Gesamtbezüge des Vorstands sind also nicht gleichzusetzen mit den tatsächlich in bar gewährten Beträgen. Soweit möglich wurden diese Sondereffekte aus den ersten Schätzungen heraus gerechnet.

Deutlich weniger Probleme haben die Gesellschaften gemacht, die die Vorstandsvergütungen individualisiert veröffentlicht haben. Für das Geschäftsjahr 2002 waren dies mit Altana, Bayer, der Deutschen Bank, der Deutschen Börse, SAP und ThyssenKrupp gerade einmal sechs der 30 DAX-Werte. Schering gibt zumindest das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden individualisiert an. Die restlichen 23 AGs zieren sich noch. Dies obwohl der Corporate Governance Kodex die inidividualisierte Veröffentlichung in diesem Jahr von einer Anregung zur Empfehlung gemacht hat. Unternehmen, die auf die geforderte Transparenz verzichten, müssen dies also in ihrer Entsprechenserklärung angeben.

Eine besonders gute Darstellung findet sich beispielsweise in dem Geschäftsbericht der Deutschen Börse. Diese wäre unserer Ansicht nach durchaus geeignet, das Muster für einen einheitlichen Standard abzugeben. Eine solche standardisierte Darstellung, die dafür sorgt, dass die wesentlichen Informationen klar erkennbar sind, wäre auf jeden Fall wünschenswert. Trotz dieser Probleme begrüßen wir aber, dass die sechs genannten Gesellschaften diesen Schritt in Richtung mehr Transparenz vollzogen haben. Wir können an die restlichen Aktiengesellschaften nur appellieren, diesem Beispiel zu folgen.

Im Anschluss an diese erste Phase wurden die Unternehmen mit den von uns ermittelten Werten konfrontiert und um Aufschlüsselung und Bestätigung gebeten. Zusätzliche Informationen haben wir mit einem ausführlichen Fragebogen erhoben, der vom Großteil der Unternehmen beantwortet wurde. Die Rücklaufquote war erneut, wie schon letztes Jahr, erfreulich hoch. 28 der 30 Gesellschaften haben reagiert. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Transparenz und die Qualität der Antworten deutlich gestiegen ist. Keine Antwort haben wir von Fresenius Medical Care und dem DAX-Neuling Continental bekommen. BASF und VW antworteten lediglich, dass die DSW-Zahlen nicht korrekt seien. Korrigiert wurden die Angaben nicht. Es gibt also nach wie vor einige Kellerkinder, die das Tageslicht scheuen, doch zum Glück werden es weniger.

Besonders gute Informationen haben wir von der Deutschen Börse, der Commerzbank, Bayer, Linde, Schering und Siemens erhalten. Bis auf die Deutsche Börse, die 2002 noch nicht im DAX vertreten war, alles Unternehmen, die schon in der letztjährigen Untersuchung durch hohe Transparenz aufgefallen sind. Echte Aufsteiger sind Altana und ThyssenKrupp. 2002 haben beide Gesellschaften nur sehr unbefriedigende Auskünfte gegeben. In diesem Jahr veröffentlichen sowohl Altana als auch ThyssenKrupp die individualisierten Vorstandsgehälter.

Nun aber genug der Theorie.

Die Zahlen zeigen, insgesamt sieht es nicht so dramatisch aus. Im internationalen Vergleich liegen die deutschen Vorstände im Mittelfeld. In Frankreich liegt der Durchschnittswert bei den 40 größten Aktiengesellschaften bei rund 1 Millionen Euro pro Vorstand und Jahr. Die Vorstandsvorsitzenden verdienen etwa das Doppelte. In den Niederlanden liegt der Durchschnittsverdienst der Spitzenmanager ebenfalls bei rund 1 Million Euro. Mit weniger müssen sich beispielsweise die spanischen Spitzenkräfte begnügen. Hier liegt der Durchschnittsverdienst der im IBEX-35 zusammengefassten größten spanischen Aktiengesellschaften bei etwa 450.000 Euro. Wenn nur die acht größten AGs betrachtet werden, liegt der Schnitt allerdings schon bei 2,8 Million Euro.

In den Vorstandsetagen der 30-DAX-Unternehmen wurde für das Geschäftsjahr 2002 durchschnittlich 1,25 Millionen Euro verdient. 2001 lag der Betrag bei 1,16 Millionen Euro. Die Spanne ist sehr breit, zwischen der Nummer 30 und der Nummer 1 liegen rund 3,4 Millionen Euro. Der Verdienst der Vorstandsvorsitzenden liegt im Schnitt etwa um den Faktor 1,75 höher. Auch hier ist das Bild nicht einheitlich. Während die Chefs von Schering und MAN nur das 1,35 beziehungsweise das 1,4fache eines einfachen Vorstandsmitglieds bekommen, kann sich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank über das 2,1fache, der der Deutschen Börse gar über das 2,35fache Gehalt freuen.

Mit Abstand das höchste Einkommen verbuchten hierzulande die Chefs von DaimlerChrysler. 3,7 Millionen Euro zahlte der Autokonzern durchschnittlich pro Vorstand und Jahr. Verglichen mit dem Vorjahr bedeutet das ein Plus von 131 Prozent. Auf Platz zwei folgt die Deutsche Bank. Die Manager des Kreditinstitut bekommen 2,05 Millionen Euro, was einem Gehaltsrückgang von 29,74 Prozent entspricht. Schlusslicht war - wie schon im letzten Jahr - Infineon. Die Vorstände des Chip-Herstellers verdienten im Schnitt rund 280.000 Euro. Offensichtlich versucht  die Führungscrew rund um Ulrich Schumacher hier massiv gegenzusteuern. Auf der diesjährigen Hauptversammlung wurde ein Aktienoptionsprogramm beschlossen, das der Infineon-Vorstandsriege bereits ab einer Kurssteigerung von 0,7 Prozent pro Jahr Leistungen garantiert. Ein echtes Negativbeispiel.

Die absolute Höhe der Gehälter ist aber nur die eine Seite der Medaille. Ebenso entscheidend ist, dass die jeweiligen Managementleistungen sich in der Vergütung wiederspiegeln. Steigende Gehälter bei sinkenden Gewinnen oder gar Verlusten darf es nicht geben. Um dies wirksam zu verhindern, ist es notwendig, dass die Vorstandsgehälter neben einem Fixum, das langfristiges und unabhängiges Handeln ermöglicht, eine erfolgsabhängige Variable enthalten. Die Studie hat gezeigt, dass diese Variablen an die unterschiedlichsten Parameter gekoppelt sind: Dividende oder Ergebnis, Dividende und Ergebnis, oder als benchmark die Performance des Unternehmens im Vergleich zur Branche oder die Entwicklung des unternehmensinternen EVA ( = Economic Value Added). Ungeeignet ist die Dividende als Gradmesser. Wir befürworten bei der variablen Vergütung eine starke Kopplung an das Ergebnis des Unternehmens. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend bei den Unternehmen durch. Als ein Maßstab für den variablen Gehaltsanteil wird die Dividende aber beispielsweise noch von Bayer, Linde, RWE und TUI genutzt.

Das die variable Vergütung nicht unbedingt ein Garant für die gleichgerichtete Entwicklung von Gehaltszahlungen und Unternehmensergebnissen ist, zeigt unter anderem BASF. Das Chemieunternehmen erhöhte die Vorstandsgehälter um über 40 Prozent, obwohl das Ergebnis je Aktie um 73,25 Prozent gefallen ist. Dass es auch anders geht, zeigen Unternehmen wie EON. Einem Anstieg des Ergebnisses um 11,81 Prozent steht ein Plus von 11,36 Prozent bei den Vergütungen auf Vorstandsebene gegenüber. Vor diesem Hintergrund relativiert sich auch der enorme Gehaltssprung bei Daimler um 131 Prozent, schließlich hat das Unternehmen das Ergebnis je Aktie um über 350 Prozent steigern können.

Insgesamt weisen 7 Gesellschaften steigende Gehälter aus, obwohl die Ergebnisse je Aktie – teilweise sehr deutlich – gefallen sind. Bei 4 Unternehmen wurde weniger Geld an die Vorstände überwiesen, trotz der Tatsache, dass die Ergebnisse gesteigert werden konnten. Bei 19 Aktiengesellschaften entwickelten sich die Vorstandsgehälter in die gleiche Richtung wie die Ergebnisse je Aktie.

 

Die Diskussion zum Thema Vorstandsgehälter wird uns sicher noch eine ganze Weile beschäftigen. Es wurde zwar schon etliches erreicht, das hat unsere Studie wieder gezeigt. Doch gemessen am internationalen Standard sind wir immer noch zweitklassig. Wenn auch mit klaren Aufstiegsambitionen.

Mehr Transparenz in Fragen der Vorstandsbezüge hätte auch für die Vorstände selbst Vorteile. Transparenz schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Die bisher zum Teil heftig geführte Diskussion würde deutlich versachlicht. Deshalb ist der Corporate Governance Kodex mit dem Schritt, die Veröffentlichung der individualisierten Vorstandsvergütung von einer bloßen Anregung zur Empfehlung zu machen, auf dem richtigen Weg. Die Unternehmen, die auf die Veröffentlichung verzichten wollen, müssen dies jetzt in ihrer Entsprechenserklärung angeben. Klar ist: Mit dieser Regelung wurde in Deutschland echtes Neuland betreten. Entsprechend hartnäckig ist noch der Widerstand.

Was viele hierzulande als Zumutung empfinden, ist international längst anerkannter Standard. In den so oft und gerne – gerade auch von Vorständen – als Beispiel zitierten USA genauso wie in Großbritannien oder Frankreich. In den Niederlanden wird ab Februar ebenfalls ein entsprechendes Gesetz in Kraft treten. Was nur konsequent ist, sind es doch die Aktionäre und damit die Besitzer des Unternehmens, die die Information fordern.

Die deutschen Unternehmen werden nicht darum herum kommen, sich hier anzupassen. Und noch haben wir die Chance, eine solche Anpassung auf Basis eines freiwilligen Kodex zu schaffen. Im Land der Verordnungen und Gesetze wäre das eine echte Leistung. Hierfür muss allerdings noch einiges passieren. Noch hat die Änderung des Kodex nicht die erhoffte Transparenz gebracht. Für das kommende Jahr bin ich nicht viel optimistischer. Rund ein Drittel der DAX-30-Werte werden dann aller Voraussicht nach die Gehälter ihrer Vorständen individualisiert veröffentlichen. Das ist zu wenig. Die Unternehmen müssen sich bewusst sein, dass sie, sollten sie sich der Transparenz-Forderung des Kodex auf breiter Front verweigern, eine gesetzgeberische Lösung auf Bundesebene oder auf europäischer Ebene bekommen werden.

Neben dem Thema Vergütung, in das langsam aber sicher etwas Licht kommt, liegen die Pensionszahlungen an Vorstände in Deutschland nach wie vor völlig im Dunklen. International ist hier ebenfalls schon lange eine individualisierte Veröffentlichung üblich. Hierzulande wird lediglich eine Gesamtzahl offengelegt. Völlig unklar ist, in welcher Höhe das Geld an wen überwiesen wird. Man sollte nicht vergessen, dass gerade für Manager, die sich länger als eine Amtszeit halten, hier ganz erkleckliche Summen zusammenkommen. Nach einer Legislaturperiode liegt die Anwartschaft in der Regel bei 30 Prozent des Fixums. Dieser Betrag wächst auf bis zu 60 Prozent des Fixums an.

Das Thema „Transparenz bei Pensionen“ wird das Nächste sein, mit dem sich die Vorstände deutscher Aktiengesellschaften werden beschäftigen müssen. Denn auch hier sind es die Unternehmens-Besitzer, die die Information fordern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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Vorstandsvergütung Tabellen